1. Zirkuspädagogik
Die Pädagogik hat in dieser neuen Art von Bewegungsschulung neue Möglichkeiten und Ansätze entdeckt.
Nach KIPHARD deckt die Zirkuspädagogik den Bereich des spielerischen, hobbymäßigen Ausübens von Bewegungs- und Darstellungskünsten ab.
Es geht um eine Vermittlung und Ausübung zirzensischer Bewegungskunstfertigkeit[1]. Über die Bewegung hinaus werden auch noch weitere Werte und Normen transportiert. Sonst könnte man ja auch von Sportpädagogik sprechen.
Bei den zirzensischen Bewegungskünsten steht nicht die Einzelleistung oder der Wettkampf im Vordergrund. Es geht vielmehr um eine Schaffung einer Gruppe, die ein gemeinsames Ziel, wie z.B. eine Aufführung, anstrebt.
KIPHARD nennt folgende Bereiche, die ein Kinderzirkus berührt:
a) Motopädagogik (Vermitteln psychomotorischer Grunderfahrungen)
b) Sportpädagogik (Vermitteln spezifischer technischer Lernprozesse)
c) Erlebnispädagogik (Zirkus als Faszination und Abenteuer)
d) Spielpädagogik (Zirkusrollenspiel, „so tun als ob“)
e) Sozialpädagogik (Interaktion, Kommunikation, Teamwork) [2].
Es handelt sich um eine breite Fächerung pädagogischer Arbeit. Je aus Sicht des Betrachters, kann der eine oder andere Bereich hervorgehoben werden.
KIPHARD, der als Diplom-Sportlehrer seine Tätigkeit begann und 1980 die Professur für Motopädagogik in Frankfurt erhielt, stützt sich deshalb, wie folgt, mehr auf die Motopädagogik:
Dabei scheint sich die Motopädagogik als angewandte Motologie (Bewegungslehre) besonders als theoretischer Überbau für die breit gefächerte Praxis zirzensischer Bewegungsaktivität zu eignen. Gemäß dem motologischen Modell der Adaption (Anpassung) erlernen Kinder und Jugendliche im Laufe ihrer Entwicklung zunehmende Fähigkeiten zur Anpassung an die Umwelt. Dabei durchlaufen sie drei hauptsächliche Erfahrungs- und Kompetenzbereiche:
- Körpererfahrung (Ich-Kompetenz) durch körpermotorische Erfahrungen wie Akrobatik, Äquilibristik, Clownerie, Pantomime und Bewegungstheater.
- Materialerfahrung (manuelle Handlungskompetenz) durch Jonglieren, Zaubern und andere Handgeschicklichkeiten.
- Sozialerfahrung (soziale Handlungskompetenz) durch Partner- und Gruppenarbeit in den genannten Aktivitätsbereichen [3].
Die Grenzen aus zirkuspädagogischer Sicht sind jedoch fließend. Ein pädagogischer Bereich schließt den anderen direkt mit ein und umgekehrt.
KIPHARD nennt folgende positive Eigenschaften eines Kinderzirkus´:
In der Kinderzirkusgemeinschaft gibt es weder Generationskonflikte zwischen Trainern und jungen Artisten noch Probleme zwischen den Geschlechtern und erst recht keine negativen Gefühle gegenüber Ausländern. Der Zirkus bietet allen eine Heimat, er vermittelt auch verwahrlosten und erziehungsschwierigen Kindern Halt und Geborgenheit. Alle sind stolz dazuzugehören. Es ist ihr Zirkus, dessen ungeschriebenen Gesetzen sie sich freiwillig unterordnen. Sie empfinden Genugtuung, weil sie ihren Einsatz für die Sache als sinnvoll erleben und entsprechend Anerkennung finden [4].
Hier lassen sich also drei wichtige Bestandteile eines Zirkus festhalten:
- Bewegung (Bewegungskünste, Artistik, sportliche Techniken)
(...) Der deutsche Psychologe Erich Bühler hat ein sehr schönes Wort geprägt, nämlich das Wort von der „Funktionsfreude“. Es soll besagen, dass eine Tätigkeit eine Freude mit sich bringen kann, die darin liegt, dass der Mensch sein Funktionieren genießt, und zwar nicht, weil er dieses oder jenes braucht, sondern weil der Akt des Erschaffens, das Ausdrücken der eigenen Fähigkeiten selbst Freude schafft. [5]
- Theater (Darstellungskünste, Rollenspiel, Pantomime, Clownerie, Verkleiden, Kostümieren)
Das Kostüm spielt, nebst Maske und Schminke, eine wichtige Rolle bei jeder Art von Darstellung. Das Verkleiden hilft dem Spieler, sich zu verwandeln, sich als ein anderer zu fühlen und zu bewegen; Ängste werden rascher überwunden, bisher ungenutzte eigene Wesensseiten oder auch völlig fremde, leichter herausgespielt. Das Kostüm ist gleichsam eine schützende Hülle für die eigene Identität und ermöglicht durch Stil, Farbe und Material, bestimmte Merkmale der gespielten Figur bis ins Extreme hervorzuheben. [6]
- Musik (eigene Kompositionen oder Musik vom Band)
Oft werden dargebotene Nummern mit Musik untermalt. Dieser Bereich kann von Kindern und Jugendlichen abgedeckt werden. Musik in einem Zirkus untermauert die Atmosphäre nachhaltig und kann im günstigsten Fall von einer eigenen Band eingespielt werden. Das hat zum Vorteil, dass die Musik den Nummern und umgekehrt, angepasst werden. Somit bleibt bei einer Aufführung auch Raum für Improvisation und die Musiker können den Künstler unterstützen indem sie auf „Pannen“ spontan reagieren.
„Für die Mitspieler im Zirkusorchester gilt als `goldene Regel´: Die Musik ist nicht für sich wichtig, sondern nur als Unterstützung der Artisten[7]!“
Dies kann wieder als Hinweis auf die Hinarbeitung zu einem Gesamtkonstrukt verstanden werden. (Alle im Zirkus verfolgen das Ziel einer gelungenen Aufführung.)
Die Aufführungen sind zentrale Punkte des Zirkusgeschehens. Wenn man nach den Motiven sucht, die ein Kind dazu veranlasst einem Zirkusprojekt beizuwohnen, steht an erster Stelle der ZIRKUS selbst.
Seine Zauber- und Flitterwelt übt seit jeher eine fast magische Anziehungskraft auf Erwachsene und Kinder aus. Und es sind insbesondere die Kinder, die in ihrer Begeisterung am liebsten gleich mittun und sich als Jongleure, Akrobaten, Seiltänzerinnen oder Dompteure versuchen würden. Hierin kommt das vitale kindliche Bewegungs- und Darstellungsbedürfnis zum Ausdruck. [8]
Doch auch diese anfängliche Motivation lässt irgendwann nach. Ein Trick klappt nicht so wie er soll oder Jonglieren ist doch nicht so einfach wie es aussieht, usw. Es gibt mehrere Wege ein Kind zu motivieren. Aber die beste Motivation kann nur aus einem Selbst kommen.
Beim primären Motivationssystem liegt der Ort der Kontrolle außerhalb vom Individuum. Es wird durch externe Reize und Verstärker gesteuert.
Das sekundäre Motivationssystem reguliert sich selbst: Ein selbstgesetztes Ziel wird durch eigene (mehr oder minder planvoll arrangierte) Tätigkeit erreicht, wodurch sich das Individuum selbst bekräftigt. Auf diese Weise ist es unabhängig von äußerer Kontrolle, der Ort der Kontrolle liegt in ihm selbst.
Das sekundäre Motivationssystem ist ein Selbstbekräftigungssystem: Das Erreichen des erhofften und selbstgesetzten Zieles ist ausschlaggebend.
Es operiert mit Zielen, die gewöhnlich zeitlich weiter weg liegen. Nicht der augenblickliche Lustgewinn ist entscheidend, sondern die Erreichung eines Zieles. [9]
Solch ein extern gesetztes Ziel einer Aufführung kann bei den Kindern und Jugendlichen innere Zielsetzungen auslösen.
Nach BALLREICH hat das Üben eine größere Wirkung, wenn Kinder und Jugendliche ein Ziel vor Augen haben. Vor allem kurz vor den Aufführungen sind manchmal erstaunliche Entwicklungssprünge möglich. Durch den bevorstehenden Auftritt werden „schlafende“ Konzentrations- Bewegungsfähigkeiten „aufgeweckt“. Dabei handelt es sich aber nicht nur um einen äußeren Druck, der von der bevorstehenden Darstellung vor Zuschauern ausgeht, sondern es geschieht dabei auf verschiedenen Ebenen auch ein stärkere innere Verbindung mit dem eigenen Tun:
- Körperlich werden Bewegungseinschränkungen durchbrochen; neue Bewegungen gelingen auf einmal.
- Seelisch wird konzentriertes Arbeiten geübt; Ablenkungen sind plötzlich unerwünscht, weil die bevorstehende Aufführung motiviert.
- In der Vorstellung und im Gefühl verbindet sich der Übende mit einer Rolle. Er wird sich bei der Aufführung nicht als Privatmensch, sondern als Akrobat, Jongleur, Clown... fühlen. Und weil man im Kostüm als „ein anderer“ auftritt, sind plötzliche Freiheiten, d.h. Bewegungs- und Ausdrucksfähigkeiten, möglich, die im normalen Leben unter dem Mantel der Gewohnheiten und angelernten Normen verdeckt wären. Je mehr Zirkusatmosphäre beim Üben und bei Aufführungen entstehen kann, desto besser gelingt dieser innere Verwandlungsvorgang. Aber auch durch die Aufführung selbst entsteht eine starke Wirkung auf die Darsteller[10].
BALLREICH formuliert das wie folgt:
- Der Beifall des Publikums und die Anerkennung nach der Vorstellung stärken das Selbstbewusstsein. Gerade für Kinder, die sich normalerweise nicht so hervortrauen, können das die entscheidenden Erlebnisse sein.
- Jede Aufführung ist ein starkes Gemeinschaftserlebnis. Jeder trägt seinen Teil zum Gesamtwerk bei.
- Weil sich jedes Kind als Teil des gesamten Zirkus erlebt, verbindet es sich viel stärker mit dem „Können“ der anderen. Durch das engagierte innere Mitbewegen prägt sich auch das, was die anderen zeigen, tiefer in das eigene Bewegungsempfinden ein. Es wird viel leichter, diese Bewegungen selbst auch zu lernen. Die eigene Bewegungsfähigkeit wird dadurch enorm angeregt.
- Viele der genannten positiven Auswirkungen lassen sich natürlich auch durch Theateraufführungen erreichen. Zirkus - Spielen unterscheidet sich aber vom Schauspielen dadurch, dass die Körperbewegung viel stärker betont wird (Balance, Kraft, Handgeschicklichkeit,...) Auch die sinnlich - vitale Seite des Menschen steht mehr im Vordergrund. Das zeigt sich besonders deutlich bei den Aufführungen. Diese Betonung der Beweglichkeit und Sinnlichkeit ist aber in der heutigen Zeit besonders nötig. Letztlich sind die Körperbeweglichkeit und sinnliches Erleben die Grundlage für die seelischen Fähigkeiten (Denken, Fühlen, Sprechen...). Bei den Aufführungen zeigt es sich besonders deutlich, wie stark das Bedürfnis der Kinder und Jugendlichen ist, dieses Fundament zu stabilisieren [11].
Nach Kiphard deckt der Kinder- und Jugendzirkus folgende pädagogische Lernfelder ab:
- Absättigung des Erlebnishungers und der Abenteuerlust,
- aktive Erlebnisverarbeitung (zunächst durch Rollenspiel, später durch Leistung),
- eigenes Tun als Mittel gegen Passivität und Konsumhaltung,
- Entdeckung eigener körperlicher und motorischer Fähigkeiten,
- Entwickeln von Kraftgefühl und Selbstvertrauen,
- Lust am Lernen und an der eigenen spielerischen Kreativität,
- Konzentrationsverbesserung, Bemühen um Präzision,
- Selbstdisziplin, Fleiß, Beharrlichkeit, Ausdauer und Verlässlichkeit,
- Anstrengungsbereitschaft, Einsatzfreude und Enthusiasmus,
- freiwilliges Sich - Unterordnen (Vorbildwirkung der Älteren),
- Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme und Fairness als soziale Tugenden,
- Orientierung an ethischen Werten; Absage an Egoismus und Habgier,
- Erziehung zur Selbsterziehung durch Verfolgen eigener Zielsetzungen,
- Freude am gemeinsamen Planen und Gestalten,
- Innere Befriedigung durch Anerkennung seitens der Gruppe [12].
Die Ziele der Zirkuspädagogik:
2. Einfluss von Bewegungshandeln auf menschliche Entwicklung
Nach GRÖßING haben vielseitige, regelmäßige und wohldosierte Bewegungsbeanspruchung im Kindes- und Jugendalter einen förderlichen Einfluss auf die körperliche Entwicklung des heranwachsenden Menschen, der in folgenden Bereichen festzustellen ist:
1. Körperliche Entwicklung:
- Verbesserte Entwicklung und verstärkte Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems
- Günstige Adaptionen im aktiven Bewegungsapparat
- Günstige Anpassung im passiven Bewegungsapparat
- Günstige Beeinflussung des Zentralenervensystems
- Vorbeugung vor Haltungsschwächen und –schäden
- Förderung der Beweglichkeit und der koordinativen Fähigkeiten
2. Kognitive Entwicklung
- Wechselwirkung zwischen Bewegungstätigkeit und Intelligenzentfaltung (Bewegungsausführung schafft günstige Voraussetzungen für die Schulung der Intelligenz)
- Förderung kognitiver Fähigkeiten
- Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit
- Förderung der Entwicklung intellektueller Fähigkeiten
3. Soziale Entwicklung
- Soziale Vielfalt (Gruppenaktivitäten) fördert soziale Bildung
- Vielfältige Bewegungstätigkeiten können vielseitiges soziales Denken und Handeln fördern
4. Emotionale Entwicklung
- Positiver Zusammenhang zwischen der Bewegungshandlung und dem Erleben (hoher Erlebniswert)
- Nachhaltiger Verlauf der Gefühlsentwicklung, bei Gelegenheiten zu reichhaltigem Erleben in vielfältigen Bewegungshandlungen aufgrund positiver sozialökologischer Gegebenheiten (Erleben von Freude und Ärger, Sieg und Niederlage, Widerstand und Kraft, Grenzen und Ausweitungen, Beziehungen und Versagungen, Einsamkeit und Geborgenheit, Angst und Risiko, Sicherheit und Hilfe) [13].
3. Bewegungshandlung und personale Entfaltung
Nach GRÖßING nehmen das Ausmaß der Bewegungsanregungen, die Möglichkeiten des Bewegungshandelns und die Maßnahmen der geplanten Bewegungserziehung einen bedeutsamen Einfluss auf die menschliche Entwicklung im Sinne der personalen Entfaltung.
Diese fällt dürftiger und einseitiger aus, wenn der heranwachsende Mensch infolge situativer, erzieherischer, sozial-ökonomischer oder gesellschaftlicher Einschränkungen in seinem Bewegungslernen und –handeln eingeengt oder einseitig ausgerichtet wird [14].
Also trägt die Bewegungstätigkeit im Kindes- und Jugendalter entscheidend dazu bei, dass die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen zu einem pädagogisch wünschenswerten und persönlich zufrieden stellenden Ergebnis gelangt.
Man darf jedoch nicht aus den Augen verlieren, dass die Bewegungserfahrungen nur ein Teil personaler Entwicklung sind.
Weitere Faktoren, die sich jedoch bei jedem individuell anders gestalten und deshalb nur kurz angesprochen werden können, spielen eine entscheidende Rolle:
- Genetische Körperveranlagung
- zahlreiche sozialökologische Einflussnahmen in interaktioneller Wechselwirkung unterschiedliche Einzelverläufe kognitiver, sozialer, emotionaler, körperlicher und motorischer Art
- ungeteiltes personales Geschehen innerhalb eines Individuums in Beziehung zu seiner räumlichen und zeitlichen Lebenswelt
- geschlechtsspezifische Unterschiede
- Familienkonstellationen
- Ökologische Gegebenheiten (Stadt / Land)
- Unterschiedliche Gesellschaftliche Ordnungen
4. Grundgedanken zur Motopädagogik
Nach KIPHARD handelt es sich bei der Motopädagogik um eine ganzheitlich-psychomotorisch orientierte Form der Bewegungserziehung. Motopädagogik versteht er als „Erziehung durch Bewegung“ als Gegenmittel gegen die allgemeine Bewegungseinschränkung in einer bewegungs- und damit kinderfeindlichen Umwelt.
Die Motopädagogik widmet sich vornehmlich präventiven Aufgaben von der frühen Kindheit bis ins hohe Alter, und zwar sowohl im schulischen wie außerschulischen Bereich. Sie versucht Störungen und Behinderungen motorischer, perzeptiver sowie emotional-sozialer Lernprozesse vorzubeugen, d.h. sie durch entsprechende psychomotorische Fördermaßnahmen verhüten zu helfen.
Besondere Anwendung findet die Motopädagogik, oder dann im weiteren Sinne, Mototherapie, in dem Bereich der Heil- und Sonderpädagogik.
Es geht bei der „Erziehung durch Bewegung“ aber nicht primär um die Vermittlung von Bewegungsfertigkeiten oder gar um sporttechniches Können, sondern es steht vielmehr das Ziel der Verbesserung der adaptiven Umweltbewältigung und der Handlungsfähigkeit im sozialen Kontext im Vordergrund.
Motopädagogische Lernprozesse betonen im Sinne der induktiven Lehrweise den Freiraum für kindliche Bewegungsexploration. Sie stellt somit eine notwendige psychomotorische Basisarbeit dar mit dem Ziel der Persönlichkeitsbildung über wahrnemungsmotorische Lernprozesse. [15]
5. Motopädagogik im Kontext der Sportpädagogik
Die Motopädagogik stellt somit aber keinen absoluten Gegenpol zur Sportpädagogik dar. Es geht vielmehr um eine wechselseitige Einflussnahme und Durchdringung spielerisch-zweckfreier und sportlich-zielgerichteter Dimensionen. Beide Aspekte haben in der kindlichen Erziehung – jeder zu seiner Zeit – Bedeutung. Zu früh antrainierte Bewegungsfertigkeiten können den harmonischen Entwicklungsverlauf stören. Wenn man den Kindern genügend Zeit lässt, so suchen sie sich im Zuge der Persönlichkeitsstabilisierung ganz von alleine eigene Leistungsziele. Es geht dabei nicht um eine Negierung des Leistungsprinzips. Leistungen, ob im sportlichen, geistigen oder musischen Bereich gehören zum Leben. Sie müssen aber mit der Freiheit der Persönlichkeit vereinbar sein. Dem Kind müssen Wahlmöglichkeiten offen stehen, so dass es nicht zur Leistung gezwungen ist. [16]
Auch in der Sportpädagogik hat die Motopädagogik immer mehr Einfluss gefunden. Also das spielerische Heranführen an die Bewegung oder an ein Sportgerät. Aber es darf nicht außer acht gelassen werden, dass es sich bei vielen Sportarten um Wettkampfsportarten wie z.B. Leichtathletik, Turnen, Fußball, usw. handelt. Diese Sportarten haben durchaus ihre Berechtigung, so lange der Wettbewerb nicht in Wettkampfangst oder Leistungsstreß umschlägt und sich manifestiert.
Wettkampf und Wettbewerb können durchaus Spaß machen und es ist sicherlich wichtig, sich an Herausforderungen zu messen und zu prüfen.
Aber in dem Moment, in dem Bewegung oder Sport und somit auch die eigene Persönlichkeit nur noch über den Begriff Leistung definiert wird, kann es zu einer inneren Zerrüttung kommen.
6. Individuelle / anthropogene Voraussetzungen
In diesem Punkt müssen Überlegungen über den Entwicklungsstand, die Merkmale, Fähigkeiten und Besonderheiten der Kinder und Jugendlichen in Bezug auf zirkuspädagogische Arbeit angestellt werden.
- Wahrnehmung: Die Wahrnehmung ist für die Strukturierung und Orientierung in der Umwelt notwendig. Kinder dieses Alters verfügen über eine optimale, sachbezogene und differenzierte Wahrnehmung, wobei diese durch Denkprozesse und parallel durch starke Emotionen bestimmt wird. Diese Art der Wahrnehmung bewirkt ein spontanes, situationsabhängiges Verhalten, ohne dass das Kind die Folgen seines Verhaltens vorher sieht. Für die Aufnahme von zirkusspezifischen Spiel- und Bewegungsreizen ist somit die Voraussetzung vorhanden.
- Emotionalität: Emotionen wirken sich auf das Denken, Erleben und Handeln des Menschen aus. „Die Gefühle des Kindes verändern sich im Laufe seiner Entwicklung, wobei sie u.a. durch die eigene Kultur und Sozialisation beeinflusst und mitbestimmt werden [17].“
Deshalb ist es notwendig eine „warmherzige“ Atmosphäre zu schaffen, die die Emotionen im positiven Sinne anspricht.
- Intelligenz, Denkfähigkeit: „Intelligenz ist ein Substrat, das durch Lernen entwickelt, trainiert und mit Denkinhalten versehen wird, wobei Entwicklung, Umwelt und psychophysiologische Konstitution wichtige bedingende Faktoren für die Intelligenzentwicklung sind [18].“
Die Altersstufe der 6 – 10jährigen befindet sich nach PIAGET in der konkret-operationalen Phase. Dabei ist das Kind gedanklich noch an real existierende Objekte und Ereignisse gebunden und schon in der Lage, solche konkreten Handlungen kognitiv durchzuführen. Neben der Entstehung des Invarianzbegriffes, von Klassifizierungen, Zahlbegriffen und eines Raum- und Zeitkonzeptes kann das Kind z.B. Sportregeln, die sich auf konkrete Operationen und Raum und Zeit beziehen, begreifen. Zu der verbesserten Konzentrationsfähigkeit erlangen die Kinder der Altersstufe die Fähigkeit zu einer präzisierten Informationsaufnahme und Informationsverarbeitung. Die Kinder können zwar äußerst schnell neue Bewegungsfertigkeiten erlernen, doch erlangen sie nur durch ausreichende Übung eine dauerhafte Aneignung dieser Fertigkeiten [19].
Diese angesprochenen kognitiven Aspekte sind besonders für die Einübung von Inhalten in den einzelnen Zirkusgruppen wichtig.
- Kreativität: Die Kindheit ist die Zeit der Kreativität. Das Kind besitzt eine kreative Intelligenz, die es ihm ermöglicht, Probleme oder verschiedene Sachverhalte durch schöpferische Originalität und Flexibilität individuell und eigenständig zu lösen. Die Kreativität ist für das Kind von besonderer Bedeutung, da sie die eigene Persönlichkeitsentfaltung fördert [20].
Gerade ein Zirkusprojekt bietet viele Möglichkeiten für die Kinder dieser Altersstufe, ihre Kreativität auszuleben und weiterzuentwickeln.
- Motorik: Das frühe Schulkindalter ist gerade anfänglich geprägt durch ein wildes, heftiges Bewegungsverhalten, das sich gegen Ende dieser Entwicklungsphase normalisiert. Die körperliche Entwicklung verläuft ruhig und gleichmäßig, wobei das Längenwachstum von Jungen und Mädchen bis zum 10. Lebensjahr annähernd gleich bleibt. In dieser Altersstufe herrscht die Lust an Bewegung vor, wobei die Kinder besonders viele und vielfältige motorische Fertigkeiten erlernen. Die motorische Entwicklung ist von einer fortschreitenden Differenzierung (vielfältige Bewegungsformen) und gleichzeitig paralleler Koordinierung von motorischen Teilfunktionen (Bewegungskombinationen) bestimmt. Neben der verfeinerten motorischen Differenzierungsfähigkeit ist diese Altersphase durch gute körperliche Voraussetzungen bestimmt. Aufgrund des kleinen und leichten Körperbaus liegen günstige Kraft- und Hebelverhältnisse vor. Es ist zu beachten, dass das Skelettsystem nicht geschädigt wird, da es zwar erhöht biegsam, aber vermindert zug- und druckfest ist (z.B. Sehnen- und Bändergewebe) [21].
Die körperlichen und motorischen Voraussetzungen bieten z. B. in der Akrobatik (Kraft-, Hebelverhältnis) und bei Jonglieraktionen (motorische Differenzierungsfähigkeit) Möglichkeiten, diese weiter zu fördern.
- Prosoziales Verhalten: Die Voraussetzung für prosoziales Verhalten liegt in der Fähigkeit, die Interessen, Gefühle und Bedürfnisse anderer zu berücksichtigen und diese zu verstehen. Dabei wird das prosoziale Verhalten durch die Umwelt mitgeprägt.
Kinder im schulpflichtigen Alter entwickeln allmählich Empathie und Kooperationsfähigkeit gegenüber anderen. BAACKE sieht besonders, dass im Spiel die Möglichkeit, prosoziales Verhalten zu üben [22].
Dabei darf man die Kinder bei der Lösung sozialer Konflikte nicht überfordern, da ihnen eine Einigung bei unterschiedlichen Meinungen schwer fällt. Das Kind lernt in dieser Phase wesentliche soziale Interaktionen, die für sein späteres Verhalten von entscheidender Bedeutung sind (Kooperation, Anpassung, Auseinandersetzung mit Dominanz, Aggression, Führungsverhalten).
Für Kinder ist es wichtig, sich in den sozialen Interaktionen zu erproben, also ein größeres Verhaltensrepertoire zu erlangen.
- Auswahl der Altersstufe für das Zirkusprojekt und koedukative Gruppenstruktur: Aufgrund der Erkenntnisse aus den zuvor angestellten Überlegungen scheint es günstig, mit der Altersstufe (6-10jährigen) ein Zirkusprojekt durchzuführen. Die emotionalen, kognitiven, körperlichen und motorischen Voraussetzungen sind gegeben, wobei natürlich auf das Spiel- und Bewegungsverlangen eingegangen werden sollte. Auch wenn zwischen dem sechsten und zehnten Lebensjahr Unterschiede in der Entwicklung bestehen, können diese durch die vielfältigen Möglichkeiten des Kinderzirkus ausgeglichen werden.
7. Anthropologische Überlegungen
Neben den individuellen und soziokulturellen Überlegungen zur Zielgruppe ist auch eine anthropologische Betrachtungsweise, speziell auf die Situation und Bedürfnisse der Kinder bezogen, sinnvoll.
- Emotional-affektive Dimension: In der sozialpädagogischen wie zirkuspädagogischen Praxis geht es vor allem darum, den Kindern ein Gefühl von Anerkennung (Akzeptanz) und Geborgenheit zu vermitteln, aus dem sie Selbstbewusstsein und Eigeninitiative entwickeln können.
- Psycho-motorische Dimension: Die Eigeninitiative soll durch die Förderung von Handlungs- und Erlebnisfeldern angestrebt werden. Der Kinderzirkus bietet gerade hier Kindern gute Möglichkeiten sich zu entfalten.
- Kognitiv-rationale Dimension: Durch die Verarmung der emotional-affektiven Dimension und die Überbetonung der kognitiv-rationalen Dimension z.B. in der Schule besteht eine weitere Einseitigkeit. Es geht in solch einem Projekt weniger um die Förderung des Verstandes als vielmehr um die Schaffung von Handlungs- und Erlebnisfeldern durch die Mitarbeit in einem Zirkus.
- Ethisch-Wertende Dimension: Welche Normen und Werte kennen die Kinder? Und welche Werte können durch ein Zirkusprojekt vermittelt werden?
8. Das Gesamtkonzept
Ein Zirkusprojekt besteht immer aus einigen oder allen der oben genannten Bereiche. Man übt voneinander unabhängig in Kleingruppen, um anschließend das Gesamtkonzept `Zirkus´ präsentieren zu können.
Den Kindern und Jugendlichen wird am Anfang ein Gesamtüberblick über die verschiedenen Möglichkeiten gegeben. Sie sollen sich an den einzelnen Geräten, Übungen und Requisiten erproben, um ihren Bereich der ihren Erwartungen, Fähigkeiten und Neigungen entspricht zu finden. Das erfordert in der Startphase einen flexiblen Rahmen.
Wichtig ist es zu beachten, dass man das Gesamtkonzept nicht aus den Augen verliert. Denn obwohl die Kinder und Jugendlichen getrennt trainieren und üben, sollen sie wissen, dass sie Teil eines Ganzen sind. Deshalb ist es erforderlich, sie in gemeinsamen Aktivitäten zusammenzuführen. Die Herstellung von Requisiten, Bühnenbau und Kostümen ist eine dieser Möglichkeiten zur Gruppenzusammenführung. Aber auch das gemeinsame Einstudieren des gesamten Zirkusablaufs, sowie das Zusammenstellen der Nummern und des Rahmenprogramms muss Teil der Gruppenarbeit sein.
Der Kinder und Jugendzirkus als erlebnispädagogisches Element, ist meines Erachtens ein ideales Medium zur Umsetzung wichtiger pädagogischer Ziele, um defizitäre motorische und soziale Fähigkeiten auszugleichen.
Gehen Sie in den Zirkus. Es ist ein gewaltiges rundes Becken, in dem alles sich kreisförmig bewegt. Unentwegt. In steter Folge. (...) Das Runde ist Befreiung. Es gibt weder Anfang noch Ende. [23] (F. Leger)
In diesem Rund des Zirkus´ entfalten sich Fähigkeiten, die zu den so genannten `schönen Künsten´ gerechnet werden. Die Kinder an diesen Maßnahmen und Übungen teilnehmen zu lassen, sollte die Aufgabe vieler Pädagogen sein.
Der Mensch soll mit Schönheit nur spielen, und er soll nur mit der Schönheit spielen. Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. [24] (F.Schiller)
[1] Vgl.: KIPHARD, E. J. in: Ziegenspeck Jörg W. (Hrsg.): Zirkuspädagogik. Lüneburg.
Verlag Edition Erlebnispädagogik. 1997, S. 14.
[2] Ebd. S. 15.
[3] Ebd. S. 15 / 16.
[4] Ebd. S. 15 / 16.
[5] FROMM, Erich: Über die Liebe zum Leben. 3. Auflage. München: Deutscher
Taschenbuch Verl. 1987, S. 17 und 27.
[6] Aus: BALLREICH, Rudi; GRABOWICKI, Udo von (Hrsg.): Zirkus-Spielen. Ein
Handbuch für Artistik, Akrobatik, Jonglieren, Äquilibristik, Improvisieren und
Clownspielen. Stuttgart: S. Hirzel Verl. 1992, S. 331.
[7] Ebd. S. 329.
[8] Aus: KIPHARD, Ernst J.: Kinderzirkus – Aktivitäten – Chancen einer Zeitgemäßen
Erlebnispädagogik. In Praxis der Psychomotorik / Heft 3. Dortmund: 1991, S. 191.
[9] Vgl.: OERTER R., MONTADA L.: Entwicklungspsychologie. Ein Lehrbuch. 2.
Auflage. München; Weinheim: BELTZ Psychologie Verlags Union, 1987, S. 647 – 649.
[10] Vgl.: BALLREICH, Rudi; GRABOWICKI, Udo von (Hrsg.): Zirkus-Spielen. Ein
Handbuch für Artistik, Akrobatik, Jonglieren, Äquilibristik, Improvisieren und
Clownspielen. Stuttgart: S. Hirzel Verlag 1992. S. 315.
[11] Ebd. S. 317.
[12] Ebd.: S. 16.
[13] Ebd. S. 149 ff.
[14] Ebd. S. 158 ff.
[15] Vgl.: KIPHARD, Ernst J.: Psychomotorik in Praxis und Theorie.
Ausgewählte Themen der Motopädagogik und Mototherapie.
2. Auflage. Gütersloh: Flöttmann Verlag 1994, S. 5 – 18.
[16] Ebd. S. 18.
[17] Vgl. BAACKE, D.: Die 6 – 12 jährigen. Weinheim 1984, S. 158.
[18] WEINECK, J.: Optimales Training. Erlangen 1990, S. 137.
[19] Vgl. ebenda, S. 64.
[20] Vgl. BAACKE, D.: Die 6 – 12 jährigen. Weinheim 1984, S. 144.
[21] Vgl. WEINECK: Optimales Training. A. a. O., S. 59.
[22] Vgl. BAACKE: Die 6 – 12 jährigen. A. a. O., S. 180
[23] Aus: BALLREICH, Rudi; GRABOWICKI, Udo von (Hrsg.): Zirkus-Spielen. Ein
Handbuch für Artistik, Akrobatik, Jonglieren, Äquilibristik, Improvisieren und
Clownspielen. Stuttgart: S. Hirzel Verl. 1992, S. 4.
[24] Ebd. S. 4.